#Jan25: Ein Tweet, eine Story

In den vergangenen Wochen wurden wir Zeuge davon, wie einzelne Personen in Tunis oder Kairo Menschen auf der ganzen Welt bewegen konnten, indem sie ihre Erfahrungen und Meinungen aus erster Hand mit der Welt teilten.

Dies ist der Grund dafür, dass wir den Ursprung des Hashtags #Jan25, welcher von den Menschen in Ägypten und später weit über Ägypten hinaus verwendet wurde, recherchieren und zurückverfolgen wollten. Der erste Tweet mit dem Hashtag #Jan25 wurde von @ alya1989262 versendet. Hinter dem Nutzernamen @ alya1989262 verbirgt sich eine 21-jährige ägyptische Studentin der Universität Kairo, der größten öffentlichen Universität des Landes. Wir haben Kontakt zu ihr aufgenommen und sie gebeten, ihren Nutzernamen in der Öffentlichkeit verwenden zu können. Als wir ihre Geschichte hörten, fragten wir sie zudem, auch diese veröffentlichen zu dürfen…

Obwohl es sich hierbei selbstverständlich um die Perspektive einer einzelnen Person innerhalb eines Netzwerkes von Millionen mit verschiedenen Meinungen handelt, ist es doch lehrreich den Menschen hinter einem Hashtag kennenzulernen…

“Ich bin fast 22. Ich lebe in Ägypten seit ich fünf Jahre alt bin (davor habe ich in Frankreich gelebt). Ich habe mich vor etwa zwei Jahren bei Twitter angemeldet, jedoch habe ich erst in den letzten sieben oder acht Monaten angefangen, es intensiv zu nutzen.

Twitter ist ein sehr wichtiges Werkzeug für Protestler, was auch dadurch offensichtlich ist, dass es, gemeinsam mit Facebook, in Ägypten immer wieder gesperrt wurde. Wir nutzen es, um die Nachricht über anstehende Proteste und Proteststandorte zu verbreiten. Hashtags sind dabei ein unumgänglicher Bestandteil, um diese Informationen inklusive der 140-Zeichen langen Kommentare schnell und effizient mit Gleichgesinnten zu teilen, auch wenn man diese nicht persönlich kennt. Aber das wichtigste ist für uns, uns gegenseitig über akute, lokale Vorkommnisse wie Polizeigewalt, Bedrohungen, Festnahmen, usw. auf dem Laufenden zu halten. Ein Teil der Aktivisten ist mit Smartphones ausgestattet, was es ihnen gestattet, die Proteste live zu twittern (beispielsweise twittern manche die Gesänge, da diese oft witzig und auch interessant sind). Im organisatorischen Bereich nutzen wir jedoch eher Facebook. Twitter Trends erlauben es uns festzustellen, wie sichtbar wir für die internationale Gemeinschaft sind (mein Trends-Feed ist auf weltweit gestellt und ich weiss dass viele andere es auf verschiedene Orte in den USA gestellt haben). Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Stimmen gehört werden, dass die Menschen außerhalb Ägyptens wissen, was hier los ist, besonders weil es jederzeit zu Blackouts der Handynetze und des Internets kommen kann, wie am vergangenen Wochenende.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Regierung kürzlich auf klägliche und peinliche (jedoch nicht überraschende) Weise versucht hat, ebenfalls Soziale Netzwerke zu nutzen. Ich habe einige Twitter Accounts mit ein paar Tweets und nicht mehr als fünf Followern gefunden, welche darüber twittern, wie schlecht sich die Proteste auf die Stabilität unseres Landes auswirken, wie großartig der Präsident ist, usw. Es handelt sich dabei stets um die gleichen Tweets mit der gleichen Wortwahl, welche von verschiedenen Accounts verschickt werden. Die meiste Propaganda unseres Staates wird jedoch vom Fernsehen aus verbreitet, was auf den durchschnittlichen Ägypter leider weitaus überzeugender wirkt als ein paar junger Leute im Internet. Deswegen planen wir im Moment, wie wir der Regierungspropaganda entgegentreten können, die uns Protestierende als gewalttätige, von “fremden Überzeugungen” irregeführte Jugendliche darstellt, die nicht mehr ganz bei Trost sind und lediglich ihrem eigenen Land schaden wollen. Wir müssen mit den Menschen in einen Dialog treten, die von dem, was sie im Fernsehen von der Regierung gezeigt bekommen, überzeugt sind. Und der beste Weg, dies zu tun, ist es soziale Netzwerke zu nutzen, um unsere Argumente auf ruhige und logisch sinnvolle Art und Weise zu präsentieren.

Seit Jahren stellt die regierende Partei Ägyptens die hiesige Situation als einen Kampf zwischen sich selbst, der säkulären Nationalen Demokratischen Partei, und der Muslimischen Bruderschaft dar, wobei die Linken aufgrund des Fehlens einer starken Führung an den Rand gedrängt blieben. Wir glaubten, uns, der Opposition, die sich absolut nicht mit der Bruderschaft identifiziert, bleibe nichts anderes übrig, als auf einen spirituellen Führer a la Obama zu warten, der uns zu einer Revolution gegen die NDP inspirieren würde. Tunesien hat uns jedoch gezeigt, dass eine Revolution auch ohne eine starke Führungsfigur und strikte Organisation stattfinden und ein diktatorisches Regime zu Fall gebracht werden kann. Am 14. Januar begannen wir an den 25. Januar zu glauben.

Um auf Twitter zurückzukommen: über die tunesische Revolution wurde von den Medien bis zur Flucht Ben Ali’s kaum berichtet. Wir konnten die Geschehnisse mithilfe der

Hashtags #tunisia und #sidibouzid jedoch bereits einen ganzen Monat vor seiner Flucht live mitverfolgen. Ich denke, dass dies uns in dem Glauben bestärkt hat, welche Macht jeder einzelne von uns hat, eine Veränderung herbeizuführen.”